Amerikanische Geschichte, grausam und voller Liebe

Thomas McNulty kommt als junger Teenager nach Amerika. 1850, er hat seine Familie in Irland an der Hungersnot sterben sehen und ist dann auf einem Schiff über Canada in die bis dato noch nicht so Vereinigten Staaten gekommen. Schnell ist klar: Er ist ein Simplicissimus. Er wird nicht nur den Hunger in Irland und die unmenschliche transatlantische Überfahrt überleben, sondern auch zahlreiche Kämpfe gegen Indianer und rebellische Südstaatler.

Zu Beginn seiner Reise lernt er seinen Galan John Cole kennen. Sie besitzen nichts als die Kleider, die sie tragen und machen sich auf den Weg, um in der nächsten Stadt eine Anstellung als Tanzdamen zu finden. Was ist naheliegender, als in diesen unendlichen, rauen Weiten, voller Männer, die ihr Glück suchen und nicht selten in einer Mine landen, vorpubertierende Jungen anzustellen und diese in Frauenkleider zu stecken? Der Mensch glaubt einfach zu gern, was er sieht und zu dieser Zeit sind junge Frauen ein wirklich seltener Anblick.

Als die jungen Männer, entlassen von biologischen Unabdingbarkeiten, sich wieder auf den Weg machen, finden sie eine Anstellung „im miestesten aller miesen Jobs“, im Militär. Thomas, der Erzähler, dem wir mit seinem naiven Charme in die tiefsten Abgründe der Hölle folgen, ist er erstaunt von der Bestie Mensch, zu der er selbst gehört. Ohne John an seiner Seite, wäre seine Seele voll zerbrochen.

Der Ire Sebastian Barry hat mir „Tage ohne Ende“ einen ganz erstaunlichen Western geschrieben. Der Überschuss an Testosteron tropft quasi von jeder Seite und doch habe ich selten einen Roman gelesen, der sich so sehr nach Weiblichkeit gesehnt hat. In einer Welt, in der Frauen seltener sind als Gold stellt Barry Verrohung und Grausamkeit die zärtliche Liebe zweier Männer gegenüber. Ein wunderbarer Roman, den man ohne Thomas kaum ertragen könnte.

Barry, Sebastian
Steidl Verlag
ISBN/EAN: 9783958295186
22,00 € (inkl. MwSt.)